Senatorin Stahmann wünscht sich die "Rückkehr zu[r] Ruhe in der Erstaufnahmeeinrichtung"// Senator Stahmann wishes "return to rest in the initial reception facility"

24.4.2020
Senatorin Stahmann wünscht sich die "Rückkehr zu[r] Ruhe in der Erstaufnahmeeinrichtung"// Senator Stahmann wishes "return to rest in the initial reception facility"

Die Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport besuchte diese Woche die Landeserstaufnahmestelle (Last) in der Lindenstraße in Bremen-Vegesack und kurz zuvor die Erstaufnahmeeinrichtung in Bremen-Obervieland. In einer Pressemitteilung teilt sie mit, „dass wir an vielen Stellen Verbesserungen vornehmen können, die sich unmittelbar positiv auswirken auf die Lebenssituation und das Sicherheitsgefühl der Bewohnerinnen und Bewohner.“
Diese wären nämlich:
-WLAN in den Zimmern der Bewohner*innen
-Umrüstung der Lüftungsanlage
-psychologische Erstberatung
-die"Einrichtung einer neutralen Beschwerdestruktur für Konflikte zwischen Bewohnerinnen und Bewohnern auf der einen Seite und Personal auf der anderen Seite." (dies sei aber nicht gegen die Mitarbeiter*innen, deren Arbeit Frau Stahmann positiv einschätzt)

Zudem sprach sie von Plänen die Unterkunft auszubauen. Der Umbau könne jedoch erst zum Ende der Pandemie beginnen. Um die Atmosphäre in der Unterkunft zu verbessern, kündigte die Senatorin weitere Gespräche mit dem Catering-Unternehmen an. Wozu das führen soll, bleibt jedoch unklar. Seit der Eröffnung des Lagers ist die Essensversorgung problematisch. Gespräche mit Catering-Unternehmen sind keine Lösung, denn das Problem geht weit über die Wahl, wer essen liefert hinaus. Die herrschenden Strukturen in Lagern wie jenes in der Lindenstraße lassen kaum Verbesserungen im Alltag zu, da das gesamte Konstrukt menschenverachtend ist.
Durch die Maßnahmen verspricht sich Frau Stahmann "die Rückkehr zu[r] Ruhe in der Erstaufnahmeeinrichtung."

Die geplanten Vorhaben wie z.B.ein besserer WLAN Zugang in den Zimmern oder die Umrüstung der Lüftungsanlage sowie das Angebot einer psychologische Erstberatung in dem Lager sind Schritte, die lange überfällig waren. Dass erst eine Pandemie ausbrechen muss, die die Bewohner*innen dazu zwingt, ihre derzeitige Situation durch Proteste öffentlich zu machen, zeigt, dass die Bremer Regierung, insbesondere die Senatorin für Soziales, die Zustände in dem Lager bisher auf unverantwortliche Weise ignoriert haben.

Wir begrüßen die längst überfälligen Veränderungen und Verbesserungen, die durch den anhaltenden Protest der Bewohner*innen und deren Unterstützer*innen von statten gehen (sollen).
Für das Verschweigen von Fakten haben wir jedoch keinerlei Verständnis. Die Sozialbehörde begann zu spät die Bewohner*innen aus der Last zu evakuieren. Die Bremer Regierung trägt die Verantwortung dafür, dass mittlerweile 120 Personen in der Lindenstraße mit dem Virus infiziert sind. Darüber wird geschwiegen. Die Senatorin ist hingegen erleichtert darüber, dass bisher niemand aus dem Lager ins Krankenhaus musste. Erleichtert deshalb, weil der Umgang der Behörde mit den Bewohner*innen der Last seit dem Ausbruch der Pandemie offenkundig fahrlässig gewesen ist. Geradezu grotesk mutet in diesem Zusammenhang die Aussage Stahmanns an, wonach die bislang "mild" verlaufenden Erkrankungen einer so großen Personzahl „[f]ür Virologen [...] interessant“ seien. Die Bewohner*innen der Lindenstraße brauchen eine menschenwürdige Unterbringung und Versorgung und keine unfreiwillige Rekrutierung als medizinische Proband*innen!
Für die Durchführung von Corona-Tests lobt die Senatorin die Arbeit ihrer Behörde, die sich damit über die Empfehlungen vom Robert-Koch-Institut hinweggesetzt hatte. Sobald jedoch u.a. vom Bremer Flüchtlingsrat die Schließung des Lagers gefordert wird, verweist die Senatorin auf die bundesweiten Vorschriften, nach denen jedes Bundesland zum Betreiben einer Erstaufnahmeeinrichtung verpflichtet sei. An diesem Punkt seien ihr die Hände gebunden. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.

Das Vorhaben eine "neutrale Beschwerdestruktur für Konflikte" in dem Lager einzurichten, wirft bei uns Fragen auf: Eine Beschwerde ist das Resultat aus Unzufriedenheit, die auf bestehende Verhältnisse zurückzuführen sind. Die Verhältnisse in dem Lager Lindenstraße sind unzumutbar, Beschwerden sind dort Alltag. Die Probleme sind größtenteils strukturell und hausgemacht. Die Einrichtung einer "neutralen Beschwerdestruktur" ist der Versuch, die Proteste und die Frustration der Bewohner*innen kleinzureden, zu individualisieren und als Konflikte zwischen Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen darzustellen, die lediglich pädagogischer Bearbeitung benötigen. Frau Stahmanns Wunsch nach der "Rückkehr zur Ruhe in der Erstaufnahmeeinrichtung" wiegt offensichtlich mehr als das legitime Recht der Bewohner*innen nach menschenwürdiger Unterbringung und Versorgung. Stattdessen wird die Gesundheit der Bewohner*innen aufs Spiel gesetzt, ihre Forderungen nicht ernst genommen und mit der Einführung "neutraler Beschwerdestrukturen" weiterhin ein Stummschalten der Proteste verfolgt.

Wir fordern Frau Stahmann erneut dazu auf den Forderungen der Bewohner*innen in dem Lager nachzukommen und das Lager zu schließen!!!

Bremen, 24.April 2020

English version:

The senator for social affairs, youth, integration and sport visited "Landeserstaufnahme" (Last) in Lindenstraße in Bremen-Vegesack this week and shortly before the camp in Bremen-Obervieland. In a press release, she announced that "in many places we can make improvements that have a direct positive impact on the living situation and the feeling of security of the residents."
These would be:
-Wi-Fi in the rooms of the residents
- Retrofitting the ventilation system
- initial psychological counseling
-The "establishment of a neutral complaints structure for conflicts between residents on the one hand and staff on the other." (But this is not against the employees, whose work Ms. Stahmann assesses positively)

In addition, she spoke of plans to expand the accommodation. However, the conversion could only begin at the end of the pandemic. In order to improve the atmosphere in the accommodation, the senator announced further talks with the catering company. What this is supposed to lead to remains unclear. Food supply has been problematic since the camp opened! Discussions with catering companies are not a solution, because the problem goes far beyond the choice of who delivers the food. Instead, camp structures such as the one in Lindenstrasse do not allow improvements in everyday life, since the entire construct is inhuman.
These measures promise Ms. Stahmann "to return to rest in the initial reception facility."

The planned projects such as better WiFi access in the rooms or the conversion of the ventilation system and the offer of initial psychological counseling in the camp are steps that were long overdue. The fact that a pandemic must first break out, forcing residents to make their current situation public through protests, shows that the Bremen government, in particular the Senator for Social Affairs, has so far irresponsibly ignored the conditions in the camp.

We welcome the long overdue changes and improvements that are (should) take place due to the ongoing protest by the residents and their supporters.
However, we have no understanding for concealing facts. The social welfare office began to evacuate the residents from the camp too late. The Bremen government is responsible for the fact that 120 people on Lindenstrasse are now infected with the virus. There is silence about this. The senator, on the other hand, is relieved that no one from the camp has ever had to go to the hospital. Relieved because the authorities' dealings with the residents of the burden have been manifestly negligent since the pandemic broke out. In this context, Stahmann's statement seems almost grotesque, according to which the previously "mild" diseases of such a large number of people are "[of interest to virologists [...]". The residents of Lindenstrasse need humane accommodation and care and no involuntary recruitment as medical volunteers!
The Senator praised the work of her authority for the implementation of corona tests, which had thus violated the recommendations of the Robert Koch Institute. However, as soon as the Bremen Refugee Council (Flüchtlingsrat Bremen) calls for the camp to be closed, the Senator draws attention to the nationwide regulations, according to which every federal state is obliged to operate a reception center. At this point, her hands are tied. There are two measurements here.

The plan to set up a "neutral complaint structure for conflicts" in the camp raises questions for us: A complaint is the result of dissatisfaction that can be traced back to existing conditions. The conditions in the Lindenstrasse camp are unacceptable, complaints are common there. The problems are mostly structural and homemade. The establishment of a "neutral complaint structure" is an attempt to reduce the protests and frustration of the residents, to individualize them and to present them as conflicts between residents and employees who only require pedagogical processing. Ms. Stahmann's wish for "return to rest in the initial reception facility" obviously outweighs the residents' legitimate right to decent housing and care. Instead, the health of the residents is put at risk, their demands are not taken seriously and the protests are still being silenced with the introduction of "neutral complaint structures".

We challenge Ms. Stahmann again to meet the demands of the residents in the camp and to close the camp !!!

Bremen, 24th of April 2020